|LESEN im AUGUST|

Wir sind urlaubsreif. Und weil sich der August besonders gut eignet, um auf Reisen zu gehen, starte ich meine erste Monatsreihe: Lesen im August (bereits schon ende Juli). Fern vom Alltag sollte man auch alles sein lassen, was einen zurück katapultieren könnte, also bevorzugt alle digitalen Geräte, und sich mal auf sich, seine Mitmenschen, gute Gespräche, leckeres Essen, viel Sonne, Meer und ein Buch konzentrieren. Denn Lesen könnten wir alle viel mehr, nicht nur weil es dem Geist, sondern auch der eigenen Rhetorik dient (Apropos: Hier lüfte ich mal einen Mythos. Jeder der sagt: “Kinder, die viel lesen, haben später eine gute Rechtschreibung”, der irrt). Es gibt so viel Lesestoff, dass man gar nicht hinterherkommt. Leider. Um dem Dilemma zu entgehen, stelle ich in den nächsten Wochen Bücher vor, die mich  umgehauen haben.

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Ich bin großer Freund von sachlicher Schreibweise. Erzählungen, die auf den Punkt kommen, untermauert von einer Wortwahl, die treffender nicht sein könnte. Deswegen ist mein absolutes Hassobjekt der gute Werther. Nach 5 Seiten Naturbeschreibung bin ich in Gedanken schon ganz woanders. Ich bin ungeduldig, auch beim Lesen, und wenn sich der Inhalt zieht und zieht, dann verliere ich die Lust. Deswegen liebe ich die Neue Sachlichkeit, die realitätsnahe Literatur der Weimarer Republik. Ferdinand von Schirach ist zwar nicht Schriftsteller der 20er Jahre, hat aber einen Schreibstil, der wunderbar in diese Epoche passen würde.

Schirach ist eigentlich Rechtsanwalt. Bekannt wurde er mit “Verbrechen” und “Schuld”, zwei Sammlungen von Kurzgeschichten, in denen er wahre Ereignisse seiner Laufbahn verarbeitet. Wer Kurzgeschichten mag und auch vor Texten nicht zurückschreckt, die am Rande des Menschlichen Abgrunds spielen, dem seien diese beiden Bücher bereits sehr ans Herz gelegt. Passt aber auf euren Glauben an die Menschheit auf. “Tabu” ist sein drittes fiktionales Werk. Eins nehme ich vorweg: wer “Tabu” anfängt zu lesen, der verschlingt es. Inhaltlich fließt das Buch zwischen den Polen Schuld, Vergebung und der Frage nach der Wahrheit.

Sebastian von Eschburg ist Fotograf und Einzelgänger. Er ist sagenhaft kompliziert, unfassbar begabt und mit einer bitteren Vergangenheit belastet. In Zeitsprüngen erzählt Schirach von Eschburgs Leben und gliedert die Textabschnitte in Farben. Farben, zu denen Sebastian in besonderer Beziehung steht. Die eigentliche Geschichte von “Tabu” beginnt erst, als von Eschburg der Mord an einer jungen Frau vorgeworfen wird. Der Vorwurf, das Verhör – alles lässt ihn scheinbar  kalt. Das Einzige wonach er begehrt, ist ein ganz spezieller Anwalt: Konrad Biegler. Biegler ist ähnlich kauzig und dem Burnout nahe. Trotzig übernimmt er den Fall, und erkennt schnell, dass ihn eine große Aufgabe erwartet.

Schirach ist ein Genie der Wörter. Präzise, kühl aber absolut klar formt er Sätze, die ins Mark gehen. Sebastians Gedankengänge, sein Verhalten, die Psyche des Buchs sind so wunderbar festgehalten, dass man  zwischendurch innehalten muss, um Luft zu holen. Und es regt zum Nachdenken an. Wenn man ein Buch nach dem Lesen weglegen kann und es tags drauf vergisst, dann ist es ein schlechtes Buch. Das ist hier nicht der Fall.

Tabu
Ferdinand von Schirach
ROMAN
Erschienen am 11.09.2013

Wie immer ein passender Song:

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One thought on “|LESEN im AUGUST|

  1. Pingback: | mehr lesen. | Ferdinand von Schirach – Die Würde ist antastbar | Hands on Vine.

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