Kauft Fischstäbchen.

Weg_Winter

Gestern stand ich mit meinen Eltern in Berlin. Wir standen zwei Stunden auf einer Brücke, bis sich die Lichtgrenze fliegend im Himmel auflöste. Also hatten wir Zeit darüber zu sprechen, wie es so für sie war dieses Ost und West. Wie es war in einer Stadt aufzuwachsen, die man nur zur Hälfte kannte und was es für ein Gefühl war, das erste Mal den Westen zu besuchen und Fischstäbchen zu kaufen. Ich bin die Generation Wendekind, ich habe genau ein halbes Jahr die DDR erlebt, (obwohl “in der DDR gelebt” es besser trifft) bis die Mauer gefallen ist. Ich bin also gesamtdeutsch aufgewachsen, mein halber Freundeskreis ist aus dem ehemaligen Westen und für mich sprengt die Illusion nicht einfach nach Baden-Württemberg fahren zu dürfen, jegliche Vorstellungskraft in meinen Kopf.

Wir. Ich. Die erste Generation nach der Einheit. Wir, die eigentlich völlig frei leben sollten. Frei im Kopf, Frei in der Meinung, Frei in den Entscheidungen. 

So sollte es sein. Und trotzdem lässt mich das Gefühl nicht los, dass diese Freiheit uns das Kämpfen verlernt hat. Natürlich gibt es heutzutage noch gesellschaftliche Dinge, die es mehr als Wert sind die eigene Stimme und das Wort zu erheben. Naher Osten? Gleichstellung? Gerechtigkeit? Datenschutz? Überwachung? So viele Themen, die uns eigentlich alle betreffen sollten, aber keiner was tut, vielleicht weil sie doch nicht so richtig das eigene tägliche Leben tangieren. Wenn ich mich so umhöre, dann hab ich das Gefühl die inneren Grenzen sind schlimmer als zuvor. Es wird so viel geschrieben über die Generation Lustlos, die Generation, die durch ihr Leben schlurft und nicht so recht hinweiß mit ihrem Potential. Vieles ist übertrieben, über vieles schüttel ich mal belustigt, mal entsetzt den Kopf, aber meistens glimmt immer ein Funken Wahrheit auf.

Stichwort Potential.

Dabei steckt in uns so viel. Fast alle die ich kenne, sind unheimlich qualifiziert. Fast alle sprechen mehrere Sprachen, verfügen über eine große Intelligenz und können Dinge erschaffen. Ganz egal woher dieses Wissen kommt, oder was sie gelernt haben, es ist vorhanden und kann eingesetzt werden. Aber obwohl soviel in ihnen steckt, die Netzwerke so eng geflochten sind und die Möglichkeiten sich zu verwirklichen so vielfältig sind, sind mir zu viele einfach zu unglücklich. Woran liegt das? Sind es die Unsicherheiten, oder sind es einfach zu viele Fragen, die wir uns stellen, bevor wir handeln?Fragen wie: Habe ich überhaupt das richtige gelernt? Was will ich eigentlich? Oder sind es doch die Ängste. Die Angst  in einem Job zu stecken, der entweder nicht den finanziellen Wert bringt, den man verdient oder in dem man gegen alte und festgefahrene Strukturen ankämpft und sich und seine Motivation verbrennt? Das macht zu schaffen, auch mir. Und jeder geht anders damit um, einige studieren länger und schieben die Entscheidung raus. Viele reisen. Manche sagen, sie schinden sich so lange, bis es zu was Eigenem reicht und wieder andere verzweifeln allein schon an diesem Gedanken und verplempern ihre Zeit. Aber genau hier liegt das Problem. Der Zweifel steckt im Detail, und hier besonders im eigenen Selbst. Die Zwanziger sind die Zeit der Kämpfe, und an vorderster Front: Ich gegen Ich. Und wenn man sich schon weigert in den Kampf mit sich selbst zu treten, wie soll man sich gegen andere wappnen ohne gleich zu kapitulieren?

Stichwort Phrasenschwein.

Natürlich muss man sein eigenes Handeln hinterfragen, vor allem in einer Zeit, wo sich persönliche Ziele so schnell ändern können, wie der Lieblingspullover. Aber vor allem geht es darum zu erkennen, dass Angst zwar gut ist, aber im Überfluss lähmt. Gegen diese Lähmung müssen wir etwas tun, und jeder muss bei sich selbst anfangen. Actio – Reactio. Wenn ich in meinem Leben unzufrieden bin, dann muss ich den Mut aufbringen etwas zu ändern. Heutzutage ist ein gerader Lebenslauf kein Einstellungskriterium mehr, man kann auch noch mit Ende zwanzig ein neues Studium anfangen, mit Mitte dreißig Kinder kriegen und mit Anfang vierzig auf Weltreise gehen. Aber genau das sagt sich immer so leicht. Auch ich bin dieses Jahr an genau diese Grenze gekommen. Ist das was ich mache, was anfangs für mich der lineare Weg war, eigentlich wirklich gut? Macht es mich wirklich zufrieden? Wird man in seinem Freundeskreis nach Rat gefragt, dann weiß man (auch ich) viele schlaue Phrasen, genau die, die ich eben aufgezählt habe. Aber das bei sich umzusetzen, was man anderen ständig predigt, das ist die eigentliche Krux an der ganzen Sache. Sich zu entscheiden etwas aufzugeben, oder einzusehen, dass man die falsche Gabelung genommen hat, das tut weh. Aber noch schmerzhafter ist der Gedanke den Splitter einfach auszuhalten, statt ihn rauszuziehen. Verbindet den Fuß und geht, zurück zur Weggabelung, und rein in den dunklen Wald.

Wir können Fischstäbchen kaufen, wann immer wir wollen, und das sollten wir nutzen.

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